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Mein Kind wurde positiv getestet — was bedeutet das?

Mein Kind wurde positiv getestet — was bedeutet das?

Ein Kleinkind hat nachweislich keine Drogen genommen — und trotzdem steht im Laborbefund ein positives Ergebnis. In Sorgerechts- und Jugendamtsverfahren ist das ein Befund, an dem viel hängt. Er lässt sich erklären, aber nicht in einem Satz.

Die kurze Antwort vorweg: Ein Nachweis im Haar belegt, dass eine Substanz das Haar erreicht hat. Er belegt nicht automatisch, auf welchem Weg. Das ist kein Schlupfloch und keine Ausrede — es ist die fachliche Ausgangslage, und sie gilt in beide Richtungen.

Wie Substanzen überhaupt ins Haar gelangen

Das Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Freiburg nennt fünf mögliche Wege:

  1. Über den Blutstrom in die HaarwurzelDer Weg, den man meint, wenn man von Konsum spricht.
  2. Über das umgebende Gewebe in den Haarschaft
  3. Über SchweißSubstanzen sind wenige Stunden nach der Aufnahme im Schweiß nachweisbar.
  4. Über TalgDie Ausscheidung über das Sekret der Talgdrüsen kann bis zu 25 Tage andauern.
  5. Über äußere QuellenRauch, Staub, kontaminierte Hände.

Nur der erste Weg setzt voraus, dass die Substanz durch den Körper gegangen ist. Die drei markierten Wege führen an der Blutbahn vorbei — und sie sind der Grund, warum ein Kind positiv sein kann, ohne etwas aufgenommen zu haben.

Warum gerade kleine Kinder betroffen sind

Lange nahm man an, der wesentliche Weg sei Nebenstromrauch — das Kind sitzt im Raum, in dem geraucht wird. Eine Arbeit des Freiburger Instituts für Rechtsmedizin hat 2015 gezeigt, dass es einen zweiten, unterschätzten Weg gibt: die Übertragung über Schweiß und Hauttalg konsumierender Bezugspersonen.

„cannabinoid findings in a child's hair may be caused by close contact to cannabis consumers rather than by inhalation of side-stream smoke" Moosmann, Roth, Auwärter: Finding cannabinoids in hair does not prove cannabis consumption. Scientific Reports 5:14906 (2015)

Auf Deutsch: Der bloße Umgang — auf den Arm nehmen, im Arm einschlafen, dieselbe Bettwäsche, Hand an den Kopf — kann teilweise ausreichen. Je kleiner das Kind, desto enger dieser Kontakt.

Eine Untersuchung des Instituts für Rechtsmedizin der Charité an über 140 Familien mit konsumierenden Eltern stützt das: Bei knapp der Hälfte der Kinder wurden dieselben Substanzen gefunden wie bei den Eltern. Bemerkenswert ist der Altersverlauf — je jünger das Kind, desto höher die Konzentration im Verhältnis zu der der Eltern.

Was das Waschen im Labor leistet — und was nicht

Jede Haarprobe wird vor der Analyse gewaschen, um oberflächliche Anhaftungen zu entfernen. Die Fachgesellschaften empfehlen mehrstufige Verfahren mit wässrigen und organischen Lösungen.

Entscheidend ist, was dabei offen bleibt. Eine Dissertation des Instituts für Rechtsmedizin der LMU München formuliert es so: Externe Kontamination lasse sich durch die Dekontaminierungsschritte „nicht kontrollierbar und auch nicht immer vollständig entfernen" — weshalb bei Personen mit engem Kontakt zu Konsumenten positive Befunde entstehen können.

Ein internationaler Übersichtsartikel von 2018 stellt zudem fest, dass es keinen Konsens über das wirksamste Waschverfahren gibt. Waschen reduziert das Problem. Es löst es nicht.

Eine Frage, die sich zu stellen lohnt

Labore können die Waschlösung mitanalysieren und mit dem Haarextrakt vergleichen. Findet sich der Großteil der Substanz in der Waschlösung, spricht das für äußere Anhaftung. Die Fachgesellschaft SoHT bezeichnet das als „useful" — verpflichtend ist es nicht.

Wenn ein Befund über die Zukunft eines Kindes mitentscheidet, ist die Frage berechtigt, ob das gemacht wurde.

Der Versuch, außen von innen zu unterscheiden

Die etablierte Methode ist der Nachweis von Metaboliten — Abbauprodukten, die erst im Körper entstehen. Findet man sie, spricht das für eine tatsächliche Aufnahme. Das Prinzip ist gut begründet, hat aber Grenzen, die man kennen sollte.

Cannabis

Dass THC selbst im Haar eines Kindes gefunden wird, beweist keinen Konsum — darüber besteht Einigkeit. Als Marker für eine körperliche Aufnahme gilt THC-COOH.

Genau dieser Marker ist aber fachlich in Bewegung. Die Society of Hair Testing formuliert vorsichtig, ein Nachweis „strongly supports" eine Aufnahme — nicht: beweist sie. Die Freiburger Arbeit von 2015 fand THC-COOH in Haarabschnitten, die vor der Einnahme gewachsen waren, und wies die Substanz in Schweiß- und Talgproben nach. Beides spricht gegen die Annahme, THC-COOH könne nur über die Blutbahn ins Haar gelangen.

Kokain

Hier verlangen die Fachgesellschaften zusätzlich zum Kokain den Nachweis von Abbauprodukten wie Benzoylecgonin, Norcocain oder Cocaethylen. Die Einschränkung: Diese Stoffe können bereits im Straßenkokain enthalten sein und damit rein äußerlich ans Haar gelangen. Spezifischer sind bestimmte Hydroxy-Metabolite, die in Straßenkokain nicht nachweisbar waren.

Die Schweizerische Gesellschaft für Rechtsmedizin räumt offen ein, dass die Voraussetzungen für eine einheitliche Beurteilung externer Kokain-Kontamination derzeit nicht gegeben seien. Eine Metaanalyse von 2025 über 21 Studien und 530 positive Kinder kommt zu dem Schluss, es sei unklar, ob sich anhand der Konzentrationen aktive von Umgebungsexposition unterscheiden lasse.

Amphetamine

Ein etabliertes Metabolit-Kriterium zur Unterscheidung außen/innen ist uns für Amphetamine nicht bekannt.

Warum Kinderbefunde überhaupt so oft „positiv" ausfallen

Ein Punkt, der selten erklärt wird und viel erklärt. Für Erwachsene gibt es festgelegte Schwellenwerte — Cut-offs —, unterhalb derer ein Befund nicht als positiv gilt. Die Society of Hair Testing hält dazu fest:

„For hair analysis in children the cut-off is not to be considered but lower limit of quantification are required" SoHT, Consensus for the Use of Alcohol Markers in Hair / Drugs of Abuse, 2021

Bei Kindern wird also nicht bis zum Cut-off, sondern bis zur Bestimmungsgrenze gemessen — bis zur kleinsten Menge, die das Gerät zuverlässig beziffern kann. Das ist fachlich sinnvoll, weil man bei Kindern auch geringe Belastungen erkennen will. Es führt aber dazu, dass Spuren sichtbar werden, die bei einem Erwachsenen als negativ durchgingen.

Ein „positiver" Kinderbefund und ein „positiver" Erwachsenenbefund sind deshalb nicht dasselbe.

Was ein positiver Befund bedeutet — und was nicht

Hier ist Redlichkeit in beide Richtungen nötig.

Er bedeutet nicht automatisch, dass das Kind Drogen aufgenommen hat. Die Wege über Schweiß, Talg und äußeren Kontakt sind belegt und bei kleinen Kindern besonders relevant.

Er bedeutet ebenso wenig, dass nichts passiert ist. Kinder nehmen Substanzen auch tatsächlich auf — versehentlich oder durch Verabreichung. Eine neuseeländische Untersuchung an Kindern aus Methamphetamin-Laboren analysierte die Waschlösungen mit und kam zu dem Schluss, dass die Belastung dort überwiegend über die Blutbahn erfolgt war, nicht über Anhaftung.

Wie beides nebeneinander steht, zeigt ein dokumentierter deutscher Fall: 2011 ließ die Stadt Bremen Haare von Kindern aus Substitutionsfamilien an der Charité untersuchen. Bei einer Gruppe von 30 Kindern ergaben sich neun Befunde ohne Drogennachweis und 21 mit Nachweis. Von diesen wurden zehn Fälle als reine Umgebungsbelastung eingestuft, bei denen eine körperliche Aufnahme ausgeschlossen wurde — und sechs Fälle, in denen eine Aufnahme belegt war. Für die übrigen nennt die Mitteilung keine eindeutige Zuordnung.

Deutsche rechtsmedizinische Institute treffen diese Unterscheidung also. Sie ist möglich — aber sie ist Sacharbeit, nicht Ablesen eines Messwerts.

Der Satz, auf den es ankommt

Zwei große Übersichtsarbeiten kommen unabhängig voneinander zum selben Ergebnis: Aus der Konzentration im Haar allein lässt sich der Expositionsweg in der Regel nicht bestimmen. Die Autoren betonen die Schwierigkeit, Haarbefunde ohne den Kontext des Einzelfalls zu interpretieren — bei Kindern besonders.

Ein Laborwert ist damit ein Befund, kein Urteil. Er gehört in die Hände eines Sachverständigen, zusammen mit allem, was über die Lebensumstände bekannt ist.

Was Sie tun können, wenn ein Befund vorliegt

  • Fragen Sie nach der fachlichen Einordnung, nicht nur nach dem Ergebnis. Ein Zahlenwert ohne Bewertung beantwortet die entscheidende Frage nicht.
  • Fragen Sie, welche Marker bestimmt wurden. Wurde nur die Muttersubstanz gemessen oder auch Abbauprodukte?
  • Fragen Sie, ob die Waschlösung mitanalysiert wurde. Das ist einer der wenigen Hinweise auf äußere Anhaftung.
  • Halten Sie die Lebensumstände fest — wer hat wie engen Kontakt zum Kind, wird in der Wohnung konsumiert. Ohne diesen Kontext ist der Wert kaum zu deuten.
  • Lassen Sie sich rechtlich beraten, wenn der Befund in einem Verfahren verwendet wird. Dieser Text ersetzt keine Rechtsberatung.
Wozu dieser Text nicht gedacht ist

Fremdkontamination ist keine Allzweckerklärung. Wer einen Befund pauschal damit abtut, missversteht die Fachlage genauso wie jemand, der aus einem Messwert direkt auf Konsum des Kindes schließt. Beide Fehler kommen vor, und beide schaden dem Kind.

Welche Analyse in solchen Verfahren verlangt wird

Das ist unterschiedlich. Manche Stellen verlangen eine gerichtsverwertbare Analyse mit dokumentierter Probenahme und Identitätsprüfung, bei anderen genügt eine private Analyse. Klären Sie vorher, was konkret gefordert ist — eine nachträglich als unzureichend eingestufte Analyse muss vollständig wiederholt werden.

Wie die dokumentierte Probenahme abläuft und wer sie durchführen darf, steht unter Probenahme gerichtlich. Zur grundsätzlichen Unterscheidung: private oder gerichtliche Haaranalyse.

Weiterführend zum hier angesprochenen Marker-Thema: THC und THC-COOH — der Unterschied. Und zur Frage äußerer Einflüsse allgemein: Passivkonsum und Haaranalyse.

Quellen

  1. Universitätsklinikum Freiburg, Institut für Rechtsmedizin: Informationen zu Haaranalysen nach CTU-Kriterien
  2. Moosmann B., Roth N., Auwärter V.: Finding cannabinoids in hair does not prove cannabis consumption. Scientific Reports 5:14906 (2015)
  3. Pragst F., Krumbiegel F., Thurmann D. et al.: Hair analysis of more than 140 families with drug consuming parents. Forensic Science International 297 (2019)
  4. Wang X., Drummer O.H.: Interpretation of drug presence in the hair of children. Forensic Science International 257 (2015)
  5. Cestonaro C. et al.: Children's exposure to cocaine detected by hair analysis. BMC Pediatrics 25:839 (2025)
  6. Society of Hair Testing: Consensus for the Use of Drugs of Abuse Testing in Hair (2021)
  7. Schweizerische Gesellschaft für Rechtsmedizin: Haaranalytik auf Drogen und Medikamente (2020)
  8. Franz T.: Dissertation, Institut für Rechtsmedizin der LMU München (2021)
  9. Senatspressestelle Bremen: Haaranalysen — weitere Ergebnisse liegen vor (16.09.2011)

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